Maria, in Zeiten, in denen wir technisch ständig miteinander verbunden sind – was bedeutet für dich „echte Verbindung“?
Maria: Ich finde dieses Paradox unserer Zeit faszinierend: Wir stehen in Dauerverbindung – per Mail, Chat, Social Media – und fühlen uns doch oft abgetrennt. Verbindung entsteht für mich nicht durch ständige Nähe oder Harmonie, sondern durch Präsenz. Wenn ich wirklich da bin, wenn ich dem anderen mit Neugier zuhöre und bereit bin, den Autopiloten zu verlassen.
Echte Verbindung entsteht, wenn ich den anderen als Mensch wahrnehme – jenseits von Rollen oder Hierarchien. Das kann in Sekunden passieren, wenn wir uns wirklich begegnen, gesehen und verstanden fühlen – auch in unserer Unvollkommenheit. Diese Momente sind der Nährboden für Vertrauen, Kreativität und Wachstum – alles, was Arbeit lebendig macht.
Und ja, selbst digital kann das funktionieren. Verbindung ist kein Ort, sondern eine Haltung. Entscheidend ist, wie präsent ich bin – nicht, ob ich gerade in Berlin oder via Zoom spreche.
Du arbeitest bei The School of Life, einer Organisation, die sich intensiv mit emotionaler Intelligenz beschäftigt. Wie prägt das deine Sicht auf Arbeit und Zusammenarbeit?
Maria: Sehr stark. Ich komme ursprünglich aus der akademischen Philosophie und war es gewohnt, viel im Kopf zu arbeiten. Bei The School of Life habe ich gelernt, dass Arbeit kein rein funktionaler Raum ist. Wir verbringen so viel Lebenszeit bei der Arbeit – also sollten wir sie auch als Teil unseres Lebens begreifen, nicht als Gegenpol.
Menschen bringen ihre Hoffnungen, Ängste und Leidenschaften mit in den Job. Das ist nichts Störendes, sondern das eigentliche Potenzial. Wenn wir Gefühle nicht länger als unprofessionell tabuisieren, sondern als Informationsquelle begreifen, entsteht Wachstum.
Ganz praktisch heißt das: Wir schaffen Räume für Selbstreflexion, Feedback und echten Austausch. Check-ins, in denen man nicht nur fragt „Was steht heute an?“, sondern auch „Wie geht’s dir wirklich?“ – das verändert Kultur. Es macht Zusammenarbeit menschlicher und damit produktiver.
In deiner Session bei den NOW!DAYS geht es um The Art of Connection. Warum nennst du Verbindung eine Kunst?
Maria: Weil sie keine Technik ist. Verbindung lässt sich nicht per App installieren oder als Tool abhaken. Es ist ein Kunsthandwerk – etwas, das geübt, gepflegt und kultiviert werden will.
Man kann keine Verbindung verordnen. Man kann aber den Raum dafür schaffen – in Organisationen, Teams, Beziehungen. Dafür braucht es Zeit, Übung und die Bereitschaft, sich selbst zu zeigen. Es ist ein Prozess, wie das Gärtnern: Man kultiviert den Boden, gießt, pflegt – und eines Tages blüht etwas auf.
Monika: Das Bild gefällt mir sehr – du sprichst vom Kultivieren, nicht vom Optimieren. Das ist auch unser Ansatz bei GOODplace.
Maria: Genau. Es geht um einen lebendigen Organismus, nicht um eine gut geölte Maschine.
Wir sprechen ständig über Produktivität, aber kaum über Beziehungen. Was passiert, wenn Organisationen diese Prioritäten umkehren?
Maria: Dann passiert etwas Wunderbares: Teams werden effizienter, nicht langsamer. Das klingt kontraintuitiv, ist aber psychologisch klar belegt.
Je mehr wir in Beziehung investieren – in Vertrauen, Feedback, Kommunikation – desto weniger Energie geht in Reibung, Konflikte und Missverständnisse. Menschen fühlen sich sicherer, mutiger, kreativer.
Verbindung heißt nicht Harmonie, sondern Klarheit und Menschlichkeit zugleich. Wenn ich ohne Angst Feedback geben oder Kritik annehmen kann, fließt Energie in das, was wirklich zählt: in die gemeinsame Aufgabe.
Monika: Also weg von der Kaffeeküchen-„Hier wird nicht gearbeitet“-Skepsis hin zu echter Begegnungskultur.
Maria: Genau. Wenn Führungskräfte Begegnungen nicht mehr als Zeitverlust, sondern als Mehrwert sehen, verändert das alles. In Schweden gibt es z. B. die Fika – die bewusste Kaffeepause, in der man nicht über Arbeit spricht. Solche Momente sind keine Unterbrechung, sondern Pflege des Miteinanders.
Viele erleben „Verbindung“ als etwas Abstraktes. Welche ersten Schritte empfiehlst du, um im Alltag tiefere Beziehungen zu fördern?
Drei einfache Dinge:
- Fokus verschieben: Nicht ständig selbst performen, sondern wirklich zuhören. Präsenz ist ein Geschenk – und selten geworden.
- Selbst vorangehen: Wertschätzung zeigen, Verletzlichkeit teilen, echte Fragen stellen. Zum Beispiel statt „Wie geht’s?“ mal fragen: „Was beschäftigt dich heute?“
- Verbindung zu sich selbst: Nur wer mit sich selbst verbunden ist, kann anderen wirklich begegnen. Also regelmäßig innehalten und fragen: „Wie geht’s mir gerade wirklich?“
Das sind kleine, aber kraftvolle Praktiken. Und sie wirken – in Beziehungen, Teams und im ganzen Unternehmen.
Wenn wir aufhören zu funktionieren, beginnt etwas Neues: Wir kommen wieder in Kontakt – mit uns selbst, mit anderen, mit dem Sinn unserer Arbeit. Verbindung ist keine Nebensache. Sie ist der unsichtbare Kern, der Organisationen lebendig macht.
Genau darum geht es bei den NOW!DAYS: um die Kunst, Arbeit und Leben wieder zusammenzubringen. Wer spürt, dass es Zeit ist, Arbeit neu zu gestalten, findet hier Inspiration, Begegnung und Mut, neue Wege zu gehen.
Und wer diesen Impuls vertiefen möchte, kann in den GOODplace Reflection Days innehalten, reflektieren und weiterkultivieren, was in Bewegung gekommen ist – ganz im Sinne einer Arbeit, die wieder berührt.
NOW!DAYS 11.-13. Juni 2026 : goodplace.org/nowdays
Reflection Days: goodplace.org/reflectiondays/
Mehr zu The School of Life: theschooloflife.com/berlin


